von Selma Herrmann und Lea Müller. Am 13. Mai 2026 durften die 10. Klassen im Fach Geschichte eine ganz besondere Person kennenlernen. Die Geschichte von Hans-Peter Spitzner und seiner Tochter Peggy markiert ein besonderes Kapitel der deutschen Teilung. Als letzte registrierte Flüchtlinge der DDR gelang ihnen im August 1989 eine spektakuläre Flucht, die nicht nur Mut, sondern auch puren Überlebenswillen erforderte.
Das Leben im System
Schon früh begann Hans-Peter Spitzner, das politische System der DDR zu hinterfragen. Trotz zweier abgeschlossener Studiengänge und dem Wunsch, als Lehrer zu arbeiten, entschied er sich für die Arbeit als Weber. In der DDR standen Lehrer und andere öffentliche Amtsträger unter strenger staatlicher Kontrolle. Sie durften nur im Rahmen der offiziellen Ideologie arbeiten und waren in ihrer Meinungsäußerung sowie bei der Vermittlung von Wissen stark eingeschränkt. Für Spitzner war das System schlecht, auch wenn er das Volk davon trennte. Das politische System der DDR war umstritten und von vielen Einschränkungen geprägt, doch die Menschen waren deshalb nicht anders als anderswo – sie führten ihr Leben, pflegten Freundschaften und halfen einander im Alltag. Trotzdem erlebte er eine Atmosphäre des Misstrauens: „Es war immer jemand dabei, der Informationen nach außen getragen hat.“ Oft gab es Personen, die Informationen an die „Stasi“ weitergaben und über andere berichteten. Kritik wurde vom Staat als zerstörerisch empfunden, und wer sich „kaufen ließ“, begab sich in die totale Abhängigkeit. Die Stasi setzte auch bezahlte Spitzel ein, um Informationen über andere Bürger zu erhalten, solch ein Angebot wurde auch Hans gemacht, doch er lehnte ab.
Die Reisefreiheit war auf den Osten beschränkt, die westliche Welt blieb ein Tabu. Als Hans-Peter davon erzählte, dass er gerne einmal den Eifelturm gesehen hätte aber dies ja nicht möglich gewesen ist, war eine bedrückende Stimmung im Raum zu spüren. Reisen ist besonders in diesen Zeiten ein wertvolles Gut – und niemand in unserem Alter könnte sich vorstellen, auf diesen Traum verzichten zu müssen. Der entscheidende Wendepunkt kam, als Spitzner sich weigerte, seinen Grenzdienst zu leisten. Die Vorstellung, auf die eigenen Leute schießen zu müssen, war für ihn unerträglich. Mit dieser Verweigerung ging er einen „Schritt zu weit“ für das Regime. Reue empfand er jedoch nie.
Der Plan und die riskante Flucht
Die Gelegenheit zur Flucht in den Westen ergab sich am 18. August 1989 durch einen Zufall. Während seine Frau Ingrid Verwandte in Österreich besuchte, las Hans-Peter in einer Zeitung, dass Fahrzeuge der Westalliierten an den Kontrollpunkten in Berlin nicht durchsucht wurden. Er fasste den Plan, sich und seine siebenjährige Tochter Peggy in den Westen zu schmuggeln. Alle anwesenden Schüler der 10. Klasse hörten nun besonders gespannt zu und verfolgten seine Erzählungen aufmerksam. Drei Tage lang suchte er in Berlin verzweifelt nach einem alliierten Soldaten, der bereit war, das Risiko einzugehen. Schließlich traf er auf den US-Soldaten Eric, der kurz und knapp zustimmte: „I do it.“ Um seine kleine Tochter nicht in Panik zu versetzen, erklärte er ihr die lebensgefährliche Situation als ein „Versteckspiel“. Im Kofferraum von Erics Auto, bei drückender Hitze, passierten sie den Checkpoint Charlie.
Neuanfang und Reflexion
Nach der erfolgreichen Flucht benachrichtigte er seine Frau, die noch in Österreich war. Sie trafen sich schließlich im Westen Berlins wieder. Auch wenn sie nur mit zwei Taschen und ihrer Tochter ankamen, war der Gewinn an Freiheit unbezahlbar. Nach seiner Flucht traf er seine Frau nach langer Zeit wieder. Dieses emotionale Wiedersehen beschrieb er als eine Szene, die direkt aus einem Hollywoodfilm stammen könnte.
Heute blickt Hans-Peter Spitzner mit Demut auf diese Zeit zurück. Er betont oft, dass ein Mensch, der sein Leben für einen anderen riskiert, ein „großer Glücksfall“ sei. Diese Dankbarkeit prägt ihn bis heute: „Ich versuche immer zurückzugeben, was ich bekommen habe.“ Seine Erlebnisse verarbeitete er in dem Buch „Die Nadel im Ozean“ (illustriert von seiner Tochter Peggy) und der Film „Der Entschluss“ hält die Erinnerung an diese letzte Flucht der DDR-Geschichte wach. Spitzner zeigt durch seine Geschichte besonderes Mitgefühl für heutige Geflüchtete, da er genau weiß, wie es sich anfühlt, mit fast nichts in der Fremde anzukommen.
Besonders diese letzten Worte seiner Erzählungen waren sehr berührend und alle schienen beeindruckt von seiner Geschichte und den großartigen Menschen, welche auch in schwierigen Zeiten hilfsbereit und so entgegenkommend waren.
- rechts sitzend Hans-Peter Spitzner
- Sein Buch – Die Nadel im Ozean
- Klasse 10/1 beim Zuhören seiner Erzählungen


